Ulrike Korsten-Reck

Dr. med. Ulrike Korsten-Reck ist Oberärztin an der Abteilung Rehabilitative und Präventive Sportmedizin in der Medizinischen Universitätsklinik Freiburg. Sie hat 1987 das Therapieprogramm FITOC (Freiburg Intervention Trial for Obese Children®) für übergewichtige Kinder und Jugendliche zwischen acht und elf Jahren gegründet, das bundesweit weitere Gruppen initiiert hat. Das Ziel von FITOC ist die ambulante Behandlung stark übergewichtiger Kinder mittels einer langfristig angelegten interdisziplinären Intervention. In ihrem Vortrag anlässlich des Buchinger Medienworkshops stellte Ulrike Korsten-Reck das erfolgreiche FITOC-Programm vor, das mittlerweile durch weitere Therapieprogramme ergänzt wird. FITOC MINI wendet sich an Kindern im Alter von vier bis sieben und FITOC Maxi an Jugendliche im Alter von 12 bis 16 Jahren.

 

www.fitoc.de

 

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"XXL Junior: Bitte nicht warten! Übergewicht und Adipositas"

 

Starkes Übergewicht oder Adipositas bildet eines der größten Gesundheitsprobleme weltweit. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht mittlerweile von einer Adipositas-Epidemie in Europa. Die Auswertung des Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS), der maßgeblichen Studie des Robert Koch-Instituts zum Gesundheitszustand von deutschen Kindern und Jugendlichen im Alter von 0 bis 17 Jahren, bestätigt diesen Fakt, wie Ulrike Korsten-Reck berichtet.

 

Die Daten, die zwischen 2003 und 2006 erhoben wurden, zeigen, dass bereits 15 Prozent, also 1,9 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland Übergewicht haben. Bei circa 800 000 von ihnen ist es so ausgeprägt, dass man von Adipositas spricht. Eine rasante Entwicklung: Der Anteil übergewichtiger Kinder und Jugendlicher hat sich gegenüber den 1980er und 1990er-Jahren um 50 Prozent erhöht.

 

Als übergewichtig bezeichnet man Kinder, wenn ihr Body Mass Index (BMI) oberhalb des 90. alters- und geschlechtsspezifischen Perzentils einer definierten Vergleichsgruppe liegt, das heißt, wenn der BMI so hoch ist wie bei den 10 Prozent der schwersten Mädchen bzw. Jungen im jeweiligen Jahrgang der Referenzgruppe. Liegt der BMI-Wert oberhalb des 97. Perzentils der Vergleichsgruppe (also so hoch wie bei den 3 Prozent schwersten Kindern), handelt es sich um Adipositas.

 

Zielgruppe von FITOC

 

Um solch adipösen Kindern und Jugendlichen zu helfen, ihre Gesundheit und ihr seelisches Wohlbefinden zu verbessern, hat Ulrike Korsten-Reck das interdisziplinäre FITOC-Programm entwickelt (Freiburg Intervention Trial for Obese Children®). „Dicke Kinder kommen dann, wenn ihr Leidensdruck zu groß wird“, erzählt die Ärztin. „Sie sind Außenseiter, haben kaum Freunde und werden gehänselt. Sie schätzen sich sogar subjektiv kränker ein, als Kinder, die Krebs haben.“

 

Die gesellschaftlichen und individuellen Faktoren, die Adipositas begünstigen, sind vielfältig, so Ulrike Korsten-Reck. Jungen und Mädchen aus sozial benachteiligten Familien sind dreimal so häufig adipös wie Kinder und Jugendliche mit hohem Sozialstatus. Höhere Schichten sind besser informiert und nutzen auch intensiver Gesundheitsangebote. Ebenso negativ wirkt sich Übergewicht der Eltern und eine frühe Elternschaft aus. Mangelnde Bewegung und falsche Ernährung sind weitere Faktoren.

 

Bewegungsmangel und falsche Ernährung müssen dabei im Zusammenhang mit dem Lebensstil gesehen werden. Ulrike Korsten-Reck: „Wir erleben eine globale Veränderung der Energieaufnahme. Hochkalorische Getränke und Nahrungsmittel mit höherem Fett- und Zuckeranteil, wie zum Beispiel beim Fast Food, werden mehr und mehr konsumiert. Der Trend geht zu größeren Portionen. Durch das schnelle Essen außer Haus findet zudem ein Verlust traditioneller Werte der Koch- und Esskultur statt.“ Kochen und damit das gesellige Miteinander spielt nach einer Erhebung der WHO immer weniger eine Rolle im Familienleben (Technical Report Series, 804, 200).

 

Diese gesellschaftlichen Faktoren werden noch durch negative Einflüsse auf der individuellen Ebene verstärkt: durch steigenden Medienkonsum (Fernsehen und Computer), fehlendes Stillen, BMI der Eltern, Geburtsgewicht, sozialer Status und schlechte Ernährungsgewohnheiten.

 

Erschwerend macht sich vor allem der Bewegungsmangel bemerkbar. Erwachsene sollten sich mit mittlerer Anstrengung und Alltagsaktivitäten 30 bis 40 Minuten an drei bis fünf Tagen die Woche bewegen. Kinder sollten sich 60 Minuten täglich mit mittlerer bis starker Anstrengung und Alltagsaktivitäten bewegen. Soweit die Experten-Empfehlung. Die tatsächliche Fitness von Kindern, so zeigt die KIGGS-Studie, liegt weit unter diesen Vorgaben. Im Motorik-Modul konnten 82 Prozent nicht für eine Minute auf einer T-Schiene von 2 cm Breite balancieren. Im Standweitsprung war die mittlere Sprungweite im Vergleich zu 1976 um 14 Prozent gesunken. Nur 22 Prozent der Kinder bewegen sich täglich. „Die Körperzusammensetzung hat sich verändert. Bei gleichem BMI stellen wir heute eine höhere Fett- und geringere Muskelmasse fest,“ erklärt Ulrike Korsten-Reck.

 

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Dr. Ulrike Korsten-Reck und Dr. Heike Schmoll.

 

FITOC: Ganzheitliches Therapieprogramm

 

Mit FITOC, das 2008 zertifiziert wurde, hat Ulrike Korsten-Reck schon vor 20 Jahren ein Patientenschulungsprogramm aufgelegt, dass adipösen Kindern hilft, durch Ernährungstherapie, Sport und Verhaltensmodifikation ihr Gewicht zu senken oder zu stabilisieren. Denn die seelischen wie auch körperlichen möglichen Schäden sind erheblich. Ergebnisse von Längsschnittstudien haben gezeigt, dass übergewichtige Kinder zu fast 80 Prozent auch übergewichtige Erwachsene werden, die unter anderem an Fettstoffwechselstörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Erkrankungen des Skeletts leiden.

 

„Je eher man eingreift, desto besser sich die Aussichten“, betont Ulrike Korsten-Reck. Denn in jungem Alter lassen sich Ernährungs- und Lebensgewohnheiten noch leichter ändern.

 

Eltern werden einbezogen

 

Wesentlich ist das intensive Einbeziehen der Eltern in den Prozess. Das familiäre Umfeld trägt entscheidend zu Erfolg oder Misserfolg bei. Eltern haben eine Modellfunktion, da Ernährungs- und Aktivitätsverhalten sowohl genetisch vorgegeben sind als auch über die familiäre Sozialisation geprägt werden.

 

Der Aufbau von FITOC

 

FITOC ist ein ganzheitliches Therapieprogramm, das interdisziplinär verankert ist und mit anderen Institutionen ein Netzwerk bildet. Die Teams bestehen aus Ärzten, Oecotrophologen, Sportlehrern und Psychologen. Sie betreuen Gruppen von maximal 15 Kindern und Jugendlichen für mindestens ein Jahr. Eine Eingangsuntersuchung stellt die Motivation fest.

 

Das Programm gliedert sich in zwei Abschnitte:

 

Phase 1:

Ein achtmonatiges Intensivprogramm beinhaltet dreimal Sport pro Woche in der Gruppe (spezielle Sportstunden). In 4- bis 6-wöchigem Abstand finden

sieben Kinderschulungsnachmittage und sieben Elternschulungen statt.

Individuelle Termine zur Ernährungsberatung und medizinischen/psychologischen Betreuung werden angeboten. Kontrolluntersuchungen zeigen die Entwicklung.

 

Phase 2:

Im zweiten Abschnitt, der 4 Monate und länger dauert, finden weitere Betreuungstermine statt, mit Kindergesprächsrunden, Elternschulungen und

ein bis zweimal pro Woche Sportunterricht. Anschließend werden halbjährliche und jährliche Kontrolluntersuchungen durchgeführt.

 

„Durch den Sport entwickeln die Kinder überhaupt erst einmal wieder ein Körpergefühl und Spaß an der Bewegung“, sagt Ulrike Korsten-Reck. Motorische und sensorische Fähigkeiten werden gefördert, die Kinder lernen ihren Körper einzuschätzen und ihre Sinne zu benutzen. Da in der Gruppe trainiert wird, wird gleichzeitig die soziale Kompetenz und Integration gefördert. Außerdem fördert die Bewegung wichtig die Entwicklung des Selbstbilds und des Körperbewusstseins.

 

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Begleitende Verhaltenstherapie

 

„Bei uns purzeln keine Pfunde“, betont Ulrike Korsten-Reck. Im Vordergrund von FITOC steht ein langsames Abnehmen, das nachhaltig ist. „Von Anfang an muss man die Erwartungshaltung hinterfragen und realistische Ziele setzen“. Dies gilt nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Eltern.

 

Ulrike Korsten-Reck legt viel Wert auf die Einbeziehung der Väter. Denn sie fungieren als Vorbild für Aktivitätsmuster, während die Mütter bei der Ernährungsweise Leitbilder sind. Da FITOC individuell auf jedes Kind zugeschnitten ist, wird auch auf das familiäre Umfeld entsprechend reagiert. „Boykotteure“, die das Programm unterlaufen, versucht die Ärztin in Gesprächen als stille Beobachter zu gewinnen. „Wir bieten jedoch keine Familientherapie, sondern eine begleitende Verhaltenstherapie.“

 

Erfolge von FITOC

 

Die Erfolge von FITOC sind greifbar. Bei knapp 68 Prozent der Kinder, die daran teilgenommen haben, hat der relative BMI abgenommen, die Fettmasse ist signifikant gesunken, die Magermasse angewachsen, berichtet Ulrike Korsten-Reck. Gleichzeitig ist die körperliche Fitness/Leistungsfähigkeit gestiegen, das Risikoprofil wurde verbessert. Auch noch zweieinhalb Jahre später kann man eine Verbesserung feststellen: Änderungen im Lebensstil, eine Gewichtsreduktion bzw. Stabilisierung des Körpergewichts in der Wachstumsphase, Spaß an gesunder Ernährung und Sport und Abbau der Bewegungs- und Versagensängste sind durch das ganzheitliche Konzept erreicht worden.

 

FITOC-Maxi: Das ambulante Programm für Jugendliche

 

Seit zehn Jahren gibt es FITOC-Maxi, ein ambulantes Programm für 12- bis 16-Jährige. Im Vergleich zum Kinderprogramm stellen sich hier differenziertere Anforderungen. Die Jugendlichen müssen mehr Selbstverantwortung übernehmen, Kontakte zu Gleichaltrigen aufbauen und eine emotionale Unabhängigkeit von den Eltern entwickeln. Die Akzeptanz der eigenen körperlichen Erscheinung und die Auseinandersetzung mit dem veränderten Selbstbild erfordern eine erhöhte Selbstreflexion. Da in dieser Phase Weichen für Karriere und Beruf gestellt werden, müssen sich die Jugendlichen mit ihren Zukunftsperspektiven beschäftigen.

 

Diese Forderungen stehen häufig im Gegensatz zur pubertätsbedingten Null-Bock-Mentalität der Maxi-Gruppen. Der Gruppendruck, akzeptiert zu werden, ist hoch. Eine oft lange Erfahrung mit gescheiterten Diäten (Jo-Jo-Effekt) ist typisch. Festgefahrene Gewohnheiten sind schwerer aufzubrechen. (Selbst)Motivation und Durchhaltevermögen der Jugendlichen sind durch fehlende Erfolgserlebnisse unterentwickelt.

 

Die Gruppe gibt den Takt vor

 

Eine strenge Führung ist bei den Maxi-Gruppen unerlässlich, sagt Ulrike Korsten-Reck, Gruppenarbeit zentral. Denn die Gruppe gibt das Maß vor und reguliert sich im besten Fall selbst. In der Adipositas-Schulung legt die Ärztin Wert dass die Jugendlichen und Eltern verstehen, wie der Teufelskreis des Übergewichts zustande kommt. So wird Langeweile oder Frust oft mit Essen kompensiert, was noch dicker macht. Die daraus entstehenden Schuldgefühle und Frustrationen führen noch zu mehr Essen und zu noch mehr sinkendem Selbstwertgefühl. Zu wissen warum man isst und dies durch andere Verhaltensweisen zu ersetzen ist Ziel der Schulung.

 

Auch in der Maxi-Gruppe lassen sich langfristig Erfolge sehen. Der BMI-SDS zeigt eine Abnahme, ebenso verändern sich die Cholesterinwerte positiv und die Leistungsfähigkeit steigt. Die statistische Auswertung zeigt eine signifikante Verbesserung fast aller Parameter und eine Reduktion der Risikofaktoren für Folgeerkrankungen. Der Jugendliche selbst profitiert nicht nur von der Gewichtsabnahme, sondern er erfährt Spaß an Bewegung und Sport, sein Selbstbewusstsein stabilisiert sich, seine Lebensqualität erhöht sich und er zeigt mehr Eigeninitiative und Selbstverantwortung.

 

Für die Zukunft von FITOC wünscht sich Ulrike Korsten-Reck den weiteren Ausbau von Netzwerken, die Akteure der verschiedensten Ebenen einbeziehen.

 

Pränatale Prägung beachten

 

Mit der neuen Erkenntnis der pränataler Prägung des Gewichts schloss Ulrike Korsten-Reck ihren Vortrag. Ein Schwangerschaftsscreening sei zukünftig wünschenswert, da Forschungsergebnisse zeigen, dass bereits das Gewicht der Mutter vor der Schwangerschaft das zukünftige Gewicht des Babys beeinflusst, ebenso wie die Nahrungsmittel, die während der Schwangerschaft konsumiert werden. Schon während der Schwangerschaft werden die Voraussetzungen für die spätere Gesundheit geschaffen, so vermuten Wissenschaftler.

 

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