Man nimmt das Leben danach leichter

Birgitt Wolff fastet schon seit 20 Jahren regelmäßig bei Buchinger Bodensee. Ihre ganz persönlichen Erfahrungen und Gefühle hat sie für uns niedergeschrieben. 

Die Zeiten, als ich mir noch schnell an der Tankstelle auf der B 12 von München nach Überlingen einen Marsriegel gekauft habe, um wie ein Hamster einen Vorrat anzulegen, sind lange vorbei. Wenn ich heute zum 25. Mal zum Fasten aufbrechen, weiß ich, was mich erwartet und ich trage die Euphorie, die erst danach kommt, schon in mir. Buchinger am Bodensee ist meine Fluchtburg. Zehn Tage ohne Laptop und Handy – unfassbar. Ohne Fernseher, denn auch der macht hungrig. Nur Kräutertee, Obstsaft, Gemüsebrühe und viel Wasser. Letzteres fällt mir nur zuhause schwer, wenn die Entscheidung zwischen Turnschuh und Lackschuh immer wieder auf Champagner fällt. Fastenzeit in der Obhut von Raimund Wilhelmi und seiner Frau Francoise Wilhelmi de Toledo, die in dritter Generation die Klinik führen, die der Marinearzt Otto Buchinger vor 55 Jahren gründete. 

 

Wer Raimund Wilhelmis Mutter, Maria Buchinger, die vor 35 Jahren zusätzlich die Prominentenpilgerstätte in Marbella eröffnete, einmal gesehen hat, weiß, dass es sich lohnt, das Fasten. Sie hat mit 92 Jahren immer noch die Ausstrahlung eines jungen Mädchens und fragt sich sicher, was das für neumodisches Zeug ist, das Anti-Aging. Es geht doch bei der Buchinger-Methode nur um Verzicht, und der nimmt in diesem Fall nicht, der gibt. Und viel Kraft kostet es auch nicht. Man lebt einfach von dem, was man zuviel hat. In meinem Fall also mindestens drei Kilo. Aber das ist nur ein angenehmer Nebeneffekt. Den Müll vor die Tür stellen, wie Anja Kruse so schön sagt, ist der viel wichtigere. Die sehr körperbewusst lebende Schauspielerin ist gerade abgereist, als ich ankomme. Ins Gästebuch hat sie geschrieben: Ich fühle mich nach zehn Tagen wie frisch aus der Kochwäsche. Absolut nachvollziehbar.

 

Ich checke ein in die Stille, in ein kleines gemütliches Zimmer in der Larix, einem der über die großzügige Anlage verteilten Häuser, mit Balkon und Blick über den Bodensee. Das Ganze gibt es natürlich auch in luxuriöser, in der gerade eröffneten Villa Bellevue. Ich bevorzuge mein Kuschelnest. Natürlich nehme ich mir wie jedes Jahr vor, den Entlastungstag schon zuhause einzulegen, und natürlich esse und trinke ich wieder bis auf den letzten Drücker. Also Obst oder Reis? Das entscheide ich nach Wetter und Jahreszeit. Ich friere leicht in diesen Märztagen, also lieber was Warmes.

 

Und am nächsten Tag beginnt, was ich auch sehr schätze und so gar nicht in mein sonstiges Leben passt, ein klar strukturierter Tagesablauf. Aber erst nach der Einnahme von Glaubersalz. Das Abführmittel hilft dabei, den Darm schneller zu entleeren, ist aber bei empfindlichem Magen und niedrigem Blutdruck durchaus durch ein anderes ersetzbar. Gesundheitscheck zwischen 7 und 9 Uhr. Natürlich mit Wiegen, man braucht ja das tägliche Erfolgserlebnis. Eine Stunde später Kräutertee auf dem Zimmer. Zwischen 11.30 und 12 Uhr Obstsaft oder Gemüsebrühe im Salon oder auf dem Zimmer. Letzteres kostet extra, ist aber von mir bevorzugt, denn kennen lernen möchte ich nun wirklich niemanden. Teil meiner ganz persönlichen Fastentherapie. Ich faste auch mit Worten, die lese ich lieber. Nein, eigentlich verschlinge ich sie. Fünf Bücher in zehn Tagen sind locker drin.

 

Bis 14 Uhr Mittagsruhe mit zusätzlich entgiftendem Leberwickel. Zwischen 18 und 19 Uhr wieder Gemüsebrühe und natürlich über den Tag verteilt, viel Wasser. Alles, was dazwischen liegt, ist nach der ärztlichen Grunduntersuchung, die ein „must“ ist und unter anderem die Fastentauglichkeit feststellt, individuell. Meine Ärztin, Dr. Dorothe Hebisch, schaut mich prüfend an und grinst mit diesem wissenden „wie immer also – zu wenig Schlaf, zu viel Stress, zu viel Essen und Trinken“ – Blick. Sie weiß, dass sie mir keinen mütterlichen Vortrag halten muss und gleich zum Verschreiben von möglichst viel Massagen, Saunagängen, Blitzgüssen und Ludmilla übergehen kann. Ludmilla ist meine persönliche Geheimwaffe bei Buchinger, sie soll meinen Atem und meinen Beckenboden therapieren. In der Tat ersetzt sie mir auch den Besuch auf der Couch.

 

Meine Seele soll ich baumeln lassen, meinen Körper und meine Mitte wieder finden. Sagt mir meine Astrologin auch immer und nutzt die gleiche Methode. Ich treffe Elizabeth Teissier beim Yoga, das Meditative ist ihr bei Buchinger ganz wichtig. „Jede Fastenkur ist anders“, sagt sie „als ich den Tod meiner Mutter verarbeiten musste, war es besonders hart. Aber es hat mir auch geholfen.“ Die schöne Astrologin, der man die 70 niemals abnehmen würde, findet den Nebeneffekt der Entgiftung, ein paar Kilo zu verlieren, sehr angenehm. “Die Haut wird klarer, man wird einfach jünger und schöner. Alles wird leichter und man findet sich im Frühling in perfekter Harmonie mit der aufblühenden Natur.“

 

Mir hat sich Yoga noch nicht so ganz erschlossen, ich zwinge mich noch dazu, wohl wissend, dass es mich runterholen würde. Ich bin eher der wilde Typ, stürze mich in körperliche Aktivitäten. Stretching, Pilates, kreativer Tanz, Laufband. Und wenn ich nicht auf den Golfplatz kann – im Sommer vor allem morgens um 5 Uhr zu empfehlen – gehe ich lieber schwimmen oder nehme an den zahlreichen Wanderungen teil, die auf dem höchst abwechslungsreichen Wochenprogramm angeboten werden.

 

Wichtig beim Fasten ist auch, dem spontanen Gefühl nachzugeben. Nicht das zu tun, was andere von dir erwarten. Einfach egoistischer werden. Deshalb komme ich auch immer alleine an den Bodensee. Rücksichtnahme auf den Partner wäre hier nur kontraproduktiv. Die anderen Buchinger - Patienten spürt man sowieso kaum. Denn ob sie Unternehmer, Angestellte oder Prominente sind, ob Europäer, Araber oder Russen – manchmal sind bis zu 30 Nationen gleichzeitig an diesem entlegenen Ort –, ihre Anzüge und Kostüme hängen im Schrank. Standardoutfit ist der Bademantel, mit dem wir auf dem Flur sitzen und warten, bis uns Schwester Brigitte zum morgendlichen Check-up aufruft.

 

Da fällt auch ein Pierre Brice gar nicht auf. Er passt sich dem Ablauf an und empfindet trotz Ärzten, Schwestern und der deutschen Disziplin, die ihm eigentlich als Franzose nicht so liegt, ein Glücksgefühl, dass wahrscheinlich nur Fasten hervorrufen kann. Ganz gelöst kommt er von einer tibetischen Klangschalenmassage bei Herrn Lutz. Man liegt in leichter Kleidung in einem abgedunkelten Raum, der Therapeut legt kupferne Schalen auf den Körper und schlägt mit einem Filzstock mal leicht, mal stark dagegen. Der Körper scheint zu vibrieren. Entspannung pur.

 

Der 10. Tag beginnt, und den mag ich am allerwenigsten, denn ich würde nur zu gern weitermachen. Aber der Plan sieht anderes vor: ein reifer Apfel am Nachmittag, sehr langsam gegessen, oder Apfelkompott helfen, das Fasten sanft zu beenden. Dazu vier Haselnüsse. Abends steht eine sämige Kartoffelsuppe auf dem Speiseplan .Neben dem Kerzchen und der Urkunde über die gelungenen Fastentage. Die Welt hat mich wieder. Leider, aber auch gut. Ich sprühe voller Energie, bin ganz klar, was ich will und was ich nicht will und greife zum Handy. Was sonst…

 

 

 
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