"Ich bin dann mal fasten"

Heilfasten nach Buchinger in einer Klinik in Überlingen am Bodensee: Michael Stitz und ein Selbstversuch mit Folgen.

 

Mein Thema ist das Essen. Menüs von Kochkünstlern, Weine von guten Winzern oder der Einkauf auf dem Markt, um aus den frischen Produkten ein leckeres Mahl zu bereiten, entflammen meine Fantasie, halte ich für grandiosen Genuss, Belohnung nach getaner Arbeit, Lebensfreude - kurzum: für unverzichtbar. Dumm nur, dass alles seinen Preis hat. Auch das üppige Essen und Trinken. Den Preis zahlt der Körper. Der dehnt sich aus, um der Masse an Fett und Kalorien Herr zu werden. Vor allem im Bauchbereich setzt sich ab, von dem man hoffte, dass es sich einfach verflüchtigen würde wie die Erinnerung an das letzte Mahl, das letzte Glas Wein. Also wächst der Bauchumfang und damit das Unwohlsein. Die Selbst- und Fremdblicke auf die Partie über dem Gürtel zerstören den Glauben, dass sich die Genussbeule verbergen lässt.

 

So beginnt alles

 

Irgendwann erzählte irgendwer vom Fasten. Von der Wohltat des Verzichts auf’s Essen. Ich hörte hin, fand es aber irgendwie spinnert, dachte mit ein bisschen Laufen könne man dem schon beikommen. Doch soviel lief ich dann nicht, dass die Schwellung über dem Gürtel schmolz. Dafür wurde weiter abends gekocht, die Weinflasche entkorkt, das Glas geschwenkt, um mit einem "der ist aber gut" dafür zu sorgen, dass nicht all zu viel von dem feinen Tropfen einem ungewissen Schicksal überlassen wurde. Diese Sorgfalt zahlte sich aus: Der Bauchumfang wuchs, die Lust auf allzu viel Bewegung schwand.

Wieder kam die Rede auf’s Fasten, auf gesunde Ernährung, wurde über Stress-Essen und Frusttrinken gesprochen. Man redet ja gern über das Thema Essen und Trinken - und seine Folgen. Man weiß eigentlich auch viel über den Zusammenhang von Ernährung und Gesundheit. Nur wissen allein genügt eben nicht, umsetzen muss man die Theorie in die Praxis.


 

Urlaub im Reich des Verzichts

 

"Mach’ s doch mal, es wird dir bestimmt gut tun", war dann der entscheidende Satz meiner Frau. Gemeint war das Fasten. Allein, zuhause, das war schnell klar, wird das nix. Vielleicht für ein, zwei Wochen in einem Kloster fasten, wie es schon Freunde gemacht hatten? Könnte eine Möglichkeit sein. Dann wurde ich aufmerksam auf das so genannte Heilfasten nach Buchinger und die Klinik Buchinger in Überlingen am Bodensee. Ein bisschen Recherche und es war klar, dort könnte es (vielleicht) funktionieren. Doch ich hatte keine Ahnung, was mich dort erwarten würde.
Vierzehn Tage - so die Empfehlung - sollte man mindestens Zeit haben, um eine Fastenkur zu absolvieren. Urlaub im Reich des Verzichts. Gegründet von einem Mann, der dem Fasten sein Leben verdankt.


 

Otto Buchinger litt unter entzündlichem Rheuma, das ihn fast bewegungslos werden ließ und seine letzten Kräfte aufzuzehren drohte. Der Arzt war ratlos, wie er sich selbst helfen konnte, bekam dann aber den Hinweis eines befreundeten Mediziners, es mit einer radikalen Fastenkur zu probieren. Das war 1917, Buchinger ein 40-jähriger Familienvater, der durch seine Erkrankung zum Vollinvaliden geworden war. Er konnte bei der Fastenkur nur gewinnen. Also ließ er sich auf das Abenteuer ein, nur Wasser zu trinken, aber nichts zu essen, allerdings unter ärztlicher Aufsicht.
"Diese Kur von 19 Tagen rettete mir wahrhaftig Existenz und Leben. Ich war schwach, mager, aber ich konnte wieder alle Gelenke bewegen", schreibt Buchinger in seinen Erinnerungen. Er krempelte sein Leben um und entwickelte das Heilfasten. 1920 nahm er die ersten Patienten stationär auf. Der Grundstein für eine Klinik, die längst internationales Renommee hat. Aus Otto Buchinger wurde ein Asket, dem das Fasten mehr bedeutete als nur der Verzicht auf’s Essen. Seine Lebensführung ließ ihn nie wieder krank werden. Mit 89 Jahren starb er, der bis zuletzt voller Schaffenskraft und Energie gewesen sein soll.

 

Buchinger am Bodensee

 

Sein Sohn Otto junior übernahm die Pyrmonter Klinik, seine Tochter Maria gründete gemeinsam mit ihrem Mann, dem Unternehmer Helmut Wilhelmi, die Buchinger Kliniken in Überlingen am Bodensee und im spanischen Marbella. "Disziplin, positives Denken, Humor, nicht rauchen, früh ins Bett und vegetarisch essen", war die Maxime, nach der Maria Buchinger ihr Leben und ihre Kliniken führte. Die als charismatisch beschriebene Frau starb Anfang 2010 im Alter von fast 94 Jahren - auch sie soll bis zum Schluss von staunenswerter Vitalität gewesen sein. Die operative Klinikleitung hatte sie schon vor Jahren nach dem frühen Tod von Helmut Wilhelmi an ihren Sohn Raimund Wilhelmi übertragen. Hier nun also wollte ich meine erste Fastenkur absolvieren. 



 

Ankunft in Überlingen

 

Es ist bereits kurz nach 23 Uhr als ich bei Buchinger ankomme. Alles dunkel, denn die strengen Hausregeln ordnen ab 23 Uhr totale Ruhe an, niemand kommt dann mehr in die Häuser des Klinikkomplexes. Mich lässt man noch, da ich meine spätere Ankunft rechtzeitig angekündigt hatte. An der Rezeption muss ich einen Zettel unterschreiben, dass ich mein Handy möglichst gar nicht oder wenn nur im Zimmer bei geschlossenen Fenstern benutze. Dann kommt die Nachtschwester, um mich in’s Zimmer zu begleiten, mich über den Ablauf der kommenden Tage und einige grundsätzliche Regeln aufzuklären. Ich bin in einer Klinik - doch ein Krankenhausgefühl kommt nicht auf. Vielleicht sind es die Ruhe und Freundlichkeit der Nachtschwester, sind es die hellen Gänge und Räume, die wohldosierte moderne Kunst, die hier gehängt ist, das Fehlen des typischen Krankenhausgeruchs, die einen hier eher an ein Hotel, denn an eine Klinik denken lassen?

 

"Wenn etwas sein sollte, klingeln Sie unbedingt", ermutigt mich die gut aufgelegte Schwester. Ich sehe die roten Alarmknöpfe nun an vielen Stellen im Zimmer, ahne aber noch nicht, dass ich sie sehr bald drücken werde.
Als ich allein im Raum bin, nehme ich erst die Einrichtung wahr. Schlicht, aber alles aus sehr guten Materialien. Vielleicht sehen heute so auch moderne Klosterzellen aus, denke ich. Nichts ist auf diesen 25 Quadratmetern modischer Schick, aufdringlich designed oder demonstrativer Luxus. Der in Hotels übliche Flachbildschirm fehlt hier ebenso wie eine Audioanlage oder auch nur ein Radio, denn man soll möglichst keine elektronischen Medien nutzen, sondern lesen. Und doch hat dieses Zimmer etwas sehr Behagliches, erkennt man schnell, wie sinnvoll das knappe Mobiliar platziert, wie hochwertig die einzelnen Teile sind, wie sorgsam die Auswahl für jedes Detail war.

 

Der erste Fastentag

 

Gesteigert wird alles mit dem Blick durch das wandbreite Panoramafenster oder vom großen Balkon, den jedes Zimmer hat. Man schaut direkt auf den Bodensee, sieht auf die Blumeninsel Mainau und bis zu den Alpen. Das sehe ich aber erst am kommenden Morgen - meinem ersten Fastentag.
Es gibt nur Reis, weil er so gut entwässert, heißt es. Reis in drei Varianten. Immer ist es ein Kranz aus Naturreis, der entsprechend gefüllt wird. Am Morgen mit Früchten, zum Mittag mit Gemüse und am Abend mit Apfelmus. Ich fange an, diesen groben Vollkornreis zu hassen und spüre zudem, dass ich Kopfschmerzen bekomme. Die letzte Reismahlzeit esse ich nur zur Hälfte. Ich staune allerdings, wo ich meine Mahlzeiten bekomme: im hauseigenen Restaurant.

 

Buchinger hat nämlich eine hervorragende Küche, erfahre ich, eine die ausschließlich Bioprodukte verarbeitet und dank ihres Küchenchefs Hubert Hohler einen erstklassigen Ruf genießt. Doch es wäre nicht das Buchinger-Restaurant, wenn nicht auch dort alles ein bisschen anders wäre als in sonstigen Speisehäusern. Alkohol ist hier genauso tabu wie Kaffee, Fleisch und Fisch. Es ist eine rein vegetarische Küche, eine, wie ich sehen kann, sehr fantasievolle. Hohler ist Gourmet-Koch für Vollwerternährung. Der drahtige Mittvierziger fastet selber auch regelmäßig, kennt die Gelüste aber auch die besonderen Freuden während des Fastens.

 

Während ich mich mit dem Reis abquäle, freuen sich die Herren an meinem Tisch über jeden neuen Gang. Sie fasten nämlich nicht. "Ich hätte an dem da keinen Spaß", sagt mein Gegenüber und zeigt auf meinen Reiskranz. Der Scherzkeks ist ein älterer freundlicher, rundlicher Mann aus Dänemark, der zwar abnehmen und sich mal richtig entspannen, aber nicht fasten will. Er bekommt genauso wie der Schweizer neben ihm ein genau ausgezirkeltes Essen serviert, das je nach Wunsch 800, 1200 oder 1600 Kilokalorien hat. Hohler schafft es trotz dieser Vorgabe einen Speiseplan zu kreieren, der morgens ein sättigendes Frühstück, mittags und abends sogar jeweils ein Drei-Gang-Menü vorsieht. Ich denke, ich bin im falschen Film. Der Schweizer freut sich, dass er mit dieser Kost täglich rund ein halbes Kilo und mehr abnimmt. Mag ja sein - ich will fasten.

 

Schwieriger Einstieg

 

"Manchmal kann es zu Problemen kommen, wenn man mit dem Fasten beginnt", hatte mir der Arzt beim Aufnahmecheck erklärt. Beim mir nicht, dachte ich mit stiller Überzeugung. Es wurde der Abend der Alarmglocke. Meine Kopfschmerzen hatten sich über den Tag gesteigert, das Unbehagen und die Angst, gar nicht einschlafen zu können wuchsen. Also drücke ich auf den roten Knopf. "Als hätte ich es doch gestern schon geahnt", lächelt die Nachtschwester. "Kopfschmerzen kommen bei vielen Fastenden vor", erklärt sie mir und bietet mir eine Stirnmassage an, die ich noch nie hatte machen lassen. Aber gut. Die Massage bringt Linderung. Jedenfalls für’s Erste. Nach einer Stunde muss ich die Nachtschwester wieder rufen. Ihr Tipp: Ein Einlauf. Okay, Einläufe gehören ohnehin zum Programm des Heilfastens, also ein Einlauf. Er hilft, aber nicht so, dass meine Kopfschmerzen sich nicht auch dagegen durchsetzen können. Wieder der rote Knopf. Langsam beginne ich die Schwester für ihren Langmut zu bewundern. Sie ist immer noch gut drauf und bietet mir jetzt ein Zäpfchen. Danach brauche ich nie mehr den Alarmknopf - auch Kopfschmerzen sollten in den folgenden 13 Tagen nicht mehr auftreten.



 

Erster Arzttermin

 

Die Qual als Fastender den Essenden zuschauen zu müssen, ist nach dem ersten Tag vorbei. Dann gehen die Darbenden in den so genannten Salon, bekommen dort mittags 0,2 Liter von einem frisch gepressten Obstsaft und abends eine Brühe (0,2 Liter). Der Morgen beginnt um 7 Uhr mit dem Besuch bei der Stationsschwester, die Blutdruck und Puls misst und die Patienten wiegt. Genau 82 Kilo zeigt die Waage am ersten Tag bei mir. Nun kommt es für mich darauf an, die Zahl stetig zu unterbieten.
Fasten dient nicht nur der Gewichtsreduzierung, lerne ich bei Buchinger. Danach dient Fasten auch der "Psychohygiene". Ein schreckliches Wort, das aber nichts anderes bedeutet, als das Klarwerden über sich und seine Beziehungen zur Welt. Trotzdem will ich vor allem abnehmen. 


 

Im Medical-Center der Klinik habe ich meinen ersten Termin beim Arzt. Pflichtprogramm, denn die medizinische Betreuung während des Fastens ist eine der wichtigen Säulen des Buchinger Heilfastens. Der Arzt nimmt sich viel Zeit, schildert, was beim Fasten passiert, fragt nach Beschwerden, Allergien - ich will vor allem, dass er meinen Bauchumfang misst. 108 Zentimeter notiert er. Die Gelassenheit, aber auch die Souveränität und Kompetenz, die er ausstrahlt, passen in die Gesamtatmosphäre des Hauses. Alle wirken hier freundlich, agieren fast lautlos und scheinen sich Zeit zu nehmen. Zudem wirkt das gesamte Personal hier zupackend - und attraktiv. Die Ärzte und Schwestern könnten glatt in der "Schwarzwald-Klinik" arbeiten.


 

Sport-, Fitness- und Kulturangebote im Überfluss

 

Ich bekomme noch mit auf den Weg, dass ich mich unbedingt viel bewegen soll - Sport, Wanderungen, Schwimmen und Fitness.
Buchinger bietet seinen Gästen dafür ein top-modernes Fitness-Center, einen beheizten 25-Meter-Außenpool, eine riesige Turnhalle und einen hochprofessionellen Stab an Sportlehrern und Personal-Trainern. Morgens um 8 Uhr beginnt das Stretching, den ganzen Vormittag hat man dann Gelegenheit verschiedene Fitness- und Gymnastikangebote zu belegen.

 

Nachmittags werden zweistündige geführte Wanderungen angeboten. Der Abend gehört dann den Vorträgen, Konzerten oder Filmvorführungen. Die Tage sind gut ausgefüllt, denn viele nehmen auch noch Massagen oder andere Anwendungen und Therapien wahr. Man wundert sich, wie fit man ohne Essen sein kann. Ich habe das Gefühl Bäume Ausreißen zu können.

 

Der zweite Tag

 

Schon nach dem zweiten Tag ist jedes Hungergefühl geschwunden. Dennoch freu ich mich über den köstlichen Mittagssaft und die wohlschmeckende Brühe am Abend. Dabei kommt man mit anderen Gästen des Hauses ins Gespräch. Ein Bonner Jurist erzählt, dass er seit zehn Jahren regelmäßig jeden Herbst zwei Wochen bei Buchinger fastet. "Ich schöpfe hier so viel Kraft, dass ich damit dann über’s Jahr komme", erzählt der Stressgeplagte. Ich schaue ihm auf den Bauch. Der ist ziemlich flach. Der Mann hat mein Alter (57) und sieht sportlich aus. Dann stellt sich heraus, dass er ein leidenschaftlicher Gourmet ist, die besten Küchen des Landes kennt und erstklassige Gewächse in seinem Weinkeller auf die Entkorkung warten. Buchinger braucht er, um sich komplett zu erholen - nicht um den Bauch loszuwerden. "Die haben hier die besten Therapeuten", behauptet der Jurist, dessen täglicher Terminplan deshalb auch zwei Massagen beziehungsweise Therapien vorsieht.

 

Internationale Prominenz

 

Über siebzig Prozent der Buchinger-Patienten sind Stammgäste, kommen ein bis zweimal im Jahr. Nicht wenige von ihnen sind prominent wie etwa Pierre Brice, Bianca Jagger, Fritz Wepper, Anja Kruse oder Helmut Karasek. Raimund Wilhelmi kann sich noch gut an den legendären Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld erinnern. "Der kam zweimal im Jahr, schwamm jeden Tag eine Stunde im Pool, nahm dabei ein Kilo pro Tag ab und schrieb hier sein Buch ’Goethe und seine Verleger’".

 

Prominenz und Geldadel haben Buchinger (die "härteste Fastenklinik Europas") schon vor vielen Jahren für sich entdeckt. Mittlerweile kommen die Gäste aus aller Welt, nur noch ein Drittel aus Deutschland. Man hört viel englisch, französisch und arabisch. Das gesamte Buchinger-Personal, ob Ärzte, Sportlehrer, Krankenschwestern oder Wanderführer, muss deutsch, englisch und französisch beherrschen. Aber das Haus will kein elitärer Luxusort sein. "Ich bin über die Krankenkasse hier", erzählt eine Frau, die sich die 200 bis 300 Euro pro Tag nicht leisten könnte, aber sich von ihrem dreiwöchigen Buchinger-Aufenthalt eine grundsätzliche Zäsur in ihrem von Schicksalsschlägen geprägtem Leben verspricht. Deshalb hat sie um ihre Buchinger-Kur gekämpft.

 

Heilung und Gesundheit finden

 

"Ein Drittel der Menschen, die zu uns kommen, kommen aus gesundheitlichen Gründen", erzählt Raimund Wilhelmi. Es kommen nicht nur die Herren mit den Bäuchen und die Damen mit ihren Problemzonen. Manche sehen aus, als hätte eine Modelagentur sie geschickt, andere tragen schwer an ihrem Eigengewicht, wieder andere an noch ganz anderen Lasten. "Unsere Ärzte müssen auch Seelenärzte sein", so Wilhelmi. Alle haben sie die Zusatzbezeichnung "Naturheilkunde", chinesische Medizin ist vielen tief vertraut und jeder hat Fastenerfahrung. Im übrigen muss jeder Arzt, jeder Therapeut selbst mindestens einmal in der Klinik gefastet haben, wie ein Patient.

 

Natur erfahren

 

Es ist erstaunlich, wie schnell man sich an das Fasten gewöhnt. Ich habe mittlerweile meinen vierten Fastentag absolviert. Mein ansonsten immer etwas zu hoher Blutdruck hat sich normalisiert, nur die Anzeige auf der Waage (79,6 Kilogramm) ist noch nicht da, wo ich sie gern hätte, auch der optische Test zeigt, dass sich die Rundung hält. "Das kommt noch", trösten mich Arzt und Schwester "und Sie nehmen doch ab, was wollen Sie denn?" Ich will schnelleren Erfolg.

 

Die täglichen Wanderungen durch die Herbstlandschaft am Bodensee sind nicht nur als weitere körperliche Ertüchtigung gedacht, sondern auch als kontemplative Naturerfahrung. Zweimal die Woche wandert deshalb eine Gruppe schweigend. Wer fastet, schärft seine Sinne, nimmt Gerüche, Geschmäcker, Geräusche und Farben intensiver wahr. Nicht nur in der Natur. Das erfahre ich, als ich nach sechs Tagen zum ersten Mal in die Stadt gehe.

 

Versuchungen im schönen Überlingen

 

Überlingen ist stolz auf seine Geschichte als einst sehr reiche Handelsstadt, die das Gesicht des Ortes prägt. Die historischen Bauten, das imposante Münster, die romantischen Gassen, die einladende Seepromenade, deren erster Abschnitt der "Dr. Otto-Buchinger-Weg" ist, all das macht Überlingen zu einem attraktiven Touristen-Magneten. Auf meinem ersten Gang sehe ich nur Restaurants, Cafés und Wirtshäuser. Es ist Markt. Einer der bekannt ist für seine Käse-, Gemüse-, Obst-, Fleisch- und Fischstände. Auf großen Rosten werden Bratwürste gegrillt, verbreitet sich der Duft von Röstaromen. Ich sehe nur noch Tafeln, die die Speisehäuser aufgestellt haben, um auf ihre Gerichte hinzuweisen. Da wo keine Tafeln stehen, entdecke ich in kleinen Schaukästen die oft handgeschriebenen Speisekarten mit ihren verlockend klingenden Angeboten. So muss sich Jesus in der Wüste gefühlt haben, als der Teufel ihn zur Befriedigung seiner Gelüste verführen wollte.

 

Oase für Ruhesuchende

 

Aber die Versuchungen verblassen schnell. Denn Hunger habe ich keinen, die Düfte wecken zwar Erinnerungen, aber keine unüberwindbaren Begierden. Beim Blick auf die Terrasse eines ansprechenden Cafés sehe ich einen korpulenten Mann eine Zigarre rauchen und einen Cappuccino trinken. Ich kenne ihn - aus der Buchinger Klinik.

 

Es dämmert schon, als ich die Klinik wieder erreiche. Das Ensemble mit seinen beleuchteten Villen, die schlichte Funktionsbauten sind, der Park, in dem die Gebäude stehen, der blauschimmernde große Pool, der Blick auf die Berge und den See, die verschiedenen Menschengruppen, die man im Salon erkennen kann, die Ruhe des Ortes und das Wissen, um die Gespräche zwischen den Gästen aus den verschiedenen Nationen und unterschiedlichsten Berufen, ihre Lust auf kleine und große Diskussionen oder auf die Zurückgezogenheit, um zu lesen - ich denke an den "Zauberberg". Ein Sanatorium für Wohlstandsbürger - vor allem aber eine Oase für Ruhesuchende.

 

Fastenbrechen

 

Nach zehn Tagen ist meine Fastenzeit vorbei. Der elfte Tag ist Fastenbrechen. Meine Pfunde sind gepurzelt (76,2 Kilogramm), mein Bauch auf einen Umfang von 92 Zentimeter geschmolzen. Nein, einen Sixpack-Bauch habe ich nicht, immer noch wölbt sich eine kleine Rundung über dem Gürtel, aber ich bin zutiefst zufrieden. "Alles Fasten mündet im Essen", sagt Hubert Hohler. Nun darf ich sein Essen genießen, sitze wieder im lichtdurchfluteten Restaurant, genieße die Klarheit des Raumes und freue mich über den intensiven Geschmack den ein Kartoffelpüree mit Spinat haben kann.

 

Mein tägliches Sportprogramm (Stretching, Fitness, Schwimmen, Wandern) bleibt auch während der drei Aufbautage. Den üblichen Leberwickel (warmer Lappen und Wärmflasche), den ich als Fastender immer mittags angelegt bekam und die alle zwei Tage anstehenden Einläufe entfallen. Es stellt sich Wehmut bei dem Gedanken ein, bald diesen Zauberberg verlassen zu müssen und ich beginne zu verstehen, warum mir so viele erzählt haben, dass sie seit 20, 15 oder zehn Jahren regelmäßig hierher kommen. Für mich wird es darauf ankommen, meine (genussvolle) Lebensweise etwas bewusster zu gestalten.

 

Autor: Michael Stitz,
Teil 1 erschienen im Flensburger Tageblatt, Schleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag, 26.11.2010,
Teil 2 erschienen im Schleswig-Holstein Journal, 27.11.2010.

„Ich würde immer alleine fasten“

Im Gespräch: Autor Michael Stitz mit der Ärztin Dr. Françoise Wilhelmi de Toledo (57), Leiterin der Buchinger Kliniken für Heilfasten in Überlingen und Marbella.

Frau Wilhelmi de Toledo, wann haben Sie das letzte Mal gefastet?

 

Ich faste immer zweimal im Jahr. Einmal im März, April und einmal im Juli, August.

 

Gibt es eine ideale Fastenzeit?

 

Das ist individuell. Für mich ist wegen meiner Allergie das Frühjahr ideal: Ich habe eine spät erworbene Birkenpollen-Allergie. Wenn ich faste und danach einige Wochen eine restriktive Ernährung halte, komme ich ohne Medikamente durch diese Pollenzeit. Vorher, ohne das Fasten, war ich richtig krank mit all den Erscheinungen, die sich bei Pollenallergien einstellen.

 

Fasten Sie in Ihrer Klinik?

 

Im Frühjahr faste ich in unserer Klinik. Im Sommer in einem ökumenischen Kloster in der Schweiz, das von Ordensschwestern geführt wird. Für mich ist das immer ein ganz besonderes, tiefes Erlebnis.

 

Erleben Sie eigentlich noch Verwunderung oder gar Spott, wenn Sie erzählen, dass Sie fasten?

 

In Deutschland praktisch nicht mehr. Im Gegenteil, die Menschen sind hochinteressiert – besonders die Jüngeren. In anderen Ländern wie beispielsweise Frankreich gibt es hier und da noch etwas Verwunderung, aber ich bemerke auch international immer mehr Interesse. Vor zwanzig, dreißig Jahren gab es in Deutschland noch Reaktionen wie „Das ist doch gefährlich, ist Raubbau am eigenen Körper“. Aber ich denke, das war eine typische Reaktion der Kriegsgeneration, die den Mangel, den Hunger erlebt hatte und alles, was danach aussah, war entsprechend negativ besetzt. Übergewicht auch und gerade bei Jugendlichen ist ein großes Thema, eine verbreitete Volkskrankheit.

 

Ist Fasten da eine wirkungsvolle Maßnahme?

 

Bei Übergewicht ist das Fasten, vor allem das regelmäßige – zum Beispiel jährliche – Fasten, optimal, denn Fasten ist die biologischste Möglichkeit, ausgedehnte Körperfettreserven zu reduzieren. Wir haben nicht mehr das Gleichgewicht zwischen Zeiten, in denen es viel Nahrung gibt, die wir speichern müssen für Zeiten, in denen es wenig oder gar nichts gibt. Wir leben im Überfluss, nehmen nur noch auf, speichern Fette und Kalorien, die aber nicht mehr gebraucht, das heißt abgebaut werden. Dafür müssten wir selbst durch Enthaltsamkeit sorgen. Das tun wir aber nicht, weil es verlockender ist, etwas zu essen – auch wenn wir keinen Hunger haben. Dabei ist nichts einfacher, physiologischer und schöner als regelmäßiges Fasten. Nur das geht gegen die Interessen einer riesigen Nahrungsmittelindustrie.

 

Sollten also auch übergewichtige Jugendliche fasten?

 

Erst, wenn sie reif sind. Das hat nicht nur mit dem Alter zu tun, sondern zudem auch mit dem Charakter. Sie müssen erkennen, dass sie etwas an ihrem Lebensstil verändern müssen, um langfristig Erfolg zu haben. Das heißt, sie müssen nicht nur lernen, anders zu essen: Sie müssen sich auch bewegen, müssen schauen, wie sie emotional mit sich umgehen, damit sie eine positive Einstellung zu sich bekommen, denn sonst kompensiert man. Und das heißt meistens: Man frisst seinen Frust weg. Aber das gilt nicht nur für Jugendliche. Gerade bei jungen Frauen gibt es zudem hier und da extrem gestörte Selbstbilder, die zu Magersucht oder ähnlichem führen, da ist Fasten genauso gefährlich wie andere Diäten.

 

Das Hauptmotiv zu fasten ist doch Eitelkeit. Wir wollen alle schlank und sportlich sein, weil das – so die öffentliche Meinung – attraktiv macht. Ist das in Ordnung?

 

Ach, ich meine, gut aussehen zu wollen, ist an sich keine schlechte Sache, wenn man dafür nicht irgendwelche Absurditäten unternimmt, wie kosmetische Chirurgie. Aber wenn man fastet und sich dabei bewegt, freut man sich ja auch, weil die Haut besser aussieht, sich die Haare gut anfühlen, man schlanker geworden ist, die Kleider mehr Raum haben. Das halte ich nicht für Eitelkeit, sondern Für Prävention. Echtes Übergewicht, besonders im Bauchbereich, ist ja kein rein kosmetisches Problem. Es kann zu ernst zunehmenden Krankheiten führen. Es begünstigt die Entstehung von Herz-Kreislauf- Erkrankungen, Diabetes, Rheuma und sogar Krebs.

 

Sie haben keine Angst davor, dass es so etwas wie Lifestyle-Fasten geben wird?

 

Doch, aber ich beobachte bei vielen, die zunächst nur gefastet haben, um abzunehmen, dass sie mit der Wiederholung des Fastens spüren, dass es auch darum geht, Ruhe zu finden, das Leben zu resetten, einen anderen Zugang Zur Umwelt, zur Natur, mit anderen Menschen und natürlich zur eigenen Person zu bekommen.

 

Wie wichtig ist Spiritualität beim Fasten?

 

Ich glaube, es ist ein Bestandteil des Fastens, auch wenn man es zunächst gar nicht will und weiß. Aber irgendwann während des Fastens spürt man, dass es mehr ist, als nur abzunehmen. Wenn man schon auf einem spirituellen Weg ist, kann das Fasten helfen, zu spüren, ob wir in unserer Lebenskohärenz sind, in unserer Kraft, da, wo das eigene Potential sich entwickeln kann.

 

Sie wollen ja auch, dass die Fastenden auf Handys, Internet und Fernsehen verzichten. Warum?

 

Es ist schade, diese wertvolle Fastenzeit mit solchen Dingen zu stören. Es kommen so viele Aspekte der eigenen Person zum Vorschein, die bewusst werden wollen, so viel Ruhe, die genossen werden sollte. Wenn Sie aber permanent abgelenkt werden, dann haben Sie keinen inneren Raum für Ihren eigenen Film.

 

Worin liegt der Unterschied zwischen Fasten und Heilfasten?

 

Heilfasten ist der Begriff, den Otto Buchinger geprägt hat. Er meinte damit drei Dimensionen: Die körperliche, eine psychisch- seelische und die Dimension der Gruppe, dieses „ich und die anderen, die anderen und ich“. Eine sehr ganzheitliche Art des Fastens. In dem Wort Heil ist Heilung, aber auch Heil im Sinne von Erlösung.

 

Wie lange sollte man fasten, um die positiven Effekte des Lebens zu erleben?

 

Man sollte sich schon 14 Tage Zeit nehmen. So kann man mit einem Entlastungstag beginnen, dann folgen 10 Tage Fasten und drei Tage Aufbau, also die Rückkehr zum Essen.

 

Das Fasten findet bei Ihnen in einer relativ luxuriösen Umgebung statt. Wie wichtig ist das?

 

Wichtig ist, dass die Natur stimmt, dass die Räumlichkeiten großzügig und hell sind, aber auch ein Gefühl von Geborgenheit vermitteln. Das, was Sie Luxus nennen, das sind die Mitarbeitenden, die Betreuer, das Ärzte-Team, die Schwestern und die Therapeuten. Sie haben in vielen Hotels deutlich mehr sichtbaren Luxus als hier. Wir haben das großartige Personal und die wunderbare Natur, den Blick auf den Bodensee.

 

Soll man allein fasten? Oder ist es genauso gut oder gar besser, wenn man mit seinem Partner, der Freundin, dem Freund fastet?

 

Ich würde immer alleine fasten – oder in zwei verschiedenen Zimmern. Dann kann man sich verabreden. Ich habe das mal mit einer Freundin so gemacht. Wenn eine von uns etwas vor hatte, bekam die andere eine SMS, in der stand zum Beispiel: „Ich gehe spazieren“. Konnte die andere sagen, okay, ich komme mit. Ansonsten sollte jeder unbedingt sein Programm ohne Rücksicht auf den Partner machen können. Dann kann es sehr schön sein. Für mich ist die Autonomie ganz fundamental. Man muss im Fasten frei sein. So wird es eine Begegnung mit sich selbst.

 

Autor: Michael Stitz,

erschienen im Schleswig-Holstein Journal, 27.11.2010.

 
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